Eines der besten Gesundheitssysteme - wie lange noch?

11 Sep 17
Monique Lehky Hagen

Rede von Dr. Monique Lehky Hagen während der Übergabe der Petition "ABGELEHNT!" ans BAG.

Werter Herr Bundesrat Alain Berset, werte Patienten und Patientinnen, werte Ärzte und Ärztinnen,

Angesichts der bereits angedrohten Erhöhungen der Krankenkassenprämien verstehen wir die Sorgen der Bevölkerung und der Politik in Zusammenhang mit den kontinuierlich steigenden Gesundheitskosten – die jedoch, im Gegensatz zu den Krankenkassenprämien NICHT explodieren. Es ist umso verständlicher, dass Massnahmen getroffen werden müssen – aber die von Ihnen vorgeschlagenen Massnahmen halten nicht was sie versprechen! Willkürliche Tarifeingriffe sind die FALSCHE Medizin, um das Übel zu heilen!  

Deshalb hat SOS-Santé einen Aufruf an die Schweizer Bevölkerung lanciert – ein Aufruf, der gehört wurde, denn zurzeit ist die Qualität der Medizin in der Schweiz sehr hoch und jedem zugänglich!

Dies wurde in einer grossen internationalen Studie kürzlich bewiesen. Die durch die Bill Gates Foundation finanzierte Publikation wurde am 18.May 2017 im Lancet veröffentlicht und bewertet die Schweizer Medizin auf dem 3. besten Rang weltweit, unter 195 Ländern!! Wollen wir diese hohe Qualität unseres Schweizer Gesundheitssystems aufs Spiel setzen? NEIN! Die heutige Organisation unseres Gesundheitswesens erlaubt der Schweizer Bevölkerung Zugang zu den Errungenschaften der Fortschritte der Medizin, dank einer guten Grundversorgung, dank einem Netzwerk von kompetenten Spezialisten und Spitälern, die alle gemeinsam im Dienst der Bevölkerung stehen.

Nicht die Schweizer Medizin krankt, sondern ihre Administration! Die Verpackung und die Beschriftung ist das Problem! Es ist unerlässlich, dass wir das Problem unseres Gesundheitswesens an der richtigen Wurzel packen, statt wahllos eines der besten Gesundheitssysteme der Welt in Gefahr zu bringen!

Wagen wir deshalb die richtigen Fragen zu stellen! Nur eine gute Anamnese führt uns zur richtigen Diagnose!

In diesem Sinne verlangen wir kohärente Erklärungen zu den steigenden Krankenkassenprämien und deren Entwicklung. Wir fordern Erklärungen, die auf Tatsachen und korrekten Analysen beruhen, die den verschiedenen Faktoren Rechnung tragen, die unsere Krankenkassenprämien beeinflussen : vom Einfluss verschiedener politischer Entscheide über den Umgang mit steigenden Reserven, Börsenverlusten, Kassenfusionen bei Insolvenz bis zu den Faktoren wie dem demographischen und epidemiologischen Wandel, den Fortschritten der Medizin und den verlängerten Überlebenszeiten unserer Patienten. Nach dieser Analyse stellt sich die Frage nach dem ‚richtigen‘ Preis. Ein ökonomisch korrekt angesetzter Preis ist unerlässlich, um die Qualität der Schweizer Medizin hochzuhalten und noch weiter auszubauen, statt sie zu schwächen. Um eine qualitativ hochstehende und gleichberechtigte medizinische Betreuung in der Schweiz sicherzustellen, muss die ambulante Medizin gestärkt und nicht geschwächt werden!

Wir fordern sachpolitische Entscheide, die auf Tatsachen beruhen und den realen Bedürfnissen und strategischen Ausrichtungen unseres Gesundheitssystems gerecht werden - anstelle von Schnellschüssen, die auf kurzfristige Einsparungen zielen und grosse Kollateralschäden nach sich ziehen! Das sind wir einem System, in dem es um Leben und Tod geht, schuldig.

Wir fordern politische Entscheidungen, die auf ‘FAIR-PLAY’ basieren und unsere Patienten und Partner des Gesundheitswesens gleichberechtigt behandeln!

  • Jeder Patient muss Anrecht haben auf eine genügend lange Konsultationsdauer, um die Therapiemöglichkeiten fundiert zu verstehen! Jeder Patient muss ein gleichberechtigter, mitspracheberechtigter Partner in seiner medizinischen Behandlung werden können!  
  • Jeder Leistungserbringer wie auch der Arzt muss die interprofessionelle Arbeit vertiefen können – was Arbeit in Abwesenheit des Patienten bedingt!
  • Jeder Patient muss bei Bedarf unter adäquater Nutzung der bestehenden Strukturen zu einer an sein Problem angepassten Notfallbehandlung Zugang haben, um sinnlose Komplikationen zu vermeiden!

Deshalb fordern wir, Herr Bundesrat Berset, dass sie folgende Anpassungen in Ihrer Verordnung berücksichtigen :  

  • Keine willkürliche Beschränkung der Konsultationsdauer – für alle Patienten, gleichberechtigt, wie Sie dies den pädiatrischen, psychiatrischen und über 75-jährigen Patienten zugestehen.
  • Keine willkürliche Begrenzung der ‚Arbeit in Abwesenheit des Patienten‘.
  • Garantie, dass die Patienten Zugang zu bestehenden ambulanten Notfallstationen haben, ohne fürchten zu müssen, dass die Kosten nicht übernommen werden.

Zudem verlangen wir, dass die Gesundheitsfachleute und Ärzte in proaktiv und partnerschaftlich in die anstehenden und laufenden politischen Tarif-Reform- und Tarif-Eingriff-Projekte eingebunden werden.  

Wer krank ist und heilen möchte wendet sich doch üblicherweise an den Arzt – nicht an eine Administration. Weder die Krankenkassen noch die Politiker behandeln die Patienten oder zeichnen verantwortlich für unseren drittbesten Platz international. Nein, es sind die Ärzte und die Gesundheitsfachleute, die in unserem Gesundheitswesen arbeiten, denen unser gutes Ranking zu verdanken ist!

Falsche strategische Entscheide und schlechte Rahmenbedingungen, die die Gesundheitsfachleute blockieren und von Krankenkassen und Politikern gefällt werden, könnten dagegen unsere qualitativ hochstehende medizinische Versorgung in der Schweiz gefährden!

Es ist deshalb dringend, einen Neustart zu wagen und gemeinsam die richtige Verordnung, das richtige Medikament zur Lösung des Problems zu finden!  

Dazu müssen partnerschaftliche Verhandlungen gefördert werden, die jedoch auf Fairplay basieren müssen und korrekt den wissenschaftlichen, epidemiologischen und wirtschaftlichen Faktoren Rechnung tragen – nicht in einer kurzfristigen Schnellschuss-Sparoptik, die unser gesamtes Gesundheitswesen in seiner Funktion gefährden würde!

Die Ärzte sind zu solchen partnerschaftlichen Verhandlungen bereit – unter der Bedingung, dass die oben genannten Grundsätze eingehalten werden, die unerlässlich sind für jede partnerschaftliche Verhandlung, die diesen Namen verdient.

In diesem Sinne überbringen wir Ihnen, Herr Bundesrat Berset, über 8000 Unterschriften, die in der Schweizer Bevölkerung gesammelt worden sind, um diese Anliegen zu unterstützen. 

Eines der besten Gesundheitssysteme - wie lange noch?

Downloads:
lancet170518.pdfLancet-Studie, die Schweizer Gesunheitssystem als drittbestes weltweit qualifiziert

Newsletter abonnieren