Freie Ärzte im freien Fall

Alain Bersets Rezept gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen heisst Staatsmedizin. Seine neue Tarifstruktur trifft die Spezialärzte mit eigener Praxis ins Mark. Ihr Einkommenseinbruch wird zur Existenzfrage.

Erschienen in Die Weltwoche, 19/17 vom 10. Mai 2017
Autor: Prof. Dr. Christoph Mörgeli, Medizinhistoriker und alt Nationalrat

Ab Januar 2018 soll gemäss Bundesrat eine landesweit einheitliche Tarifstruktur für ärztliche Leistungen gelten. Die Folgen für die freie Ärzteschaft und damit auch für die Patientinnen und Patienten sind dramatisch: Der vorgesehene Tarifeingriff führt in den einzelnen Praxen zu Umsatzeinbussen von bis zu einem Drittel.

Dies stellt eine existenzielle Bedrohung für zahlreiche Arztpraxen und Polikliniken dar. Der Schweizer Bevölkerung drohen Versorgungsengpässe, Qualitätsabbau und genau jene Zweiklassenmedizin, die aus Gründen der «sozialen Gerechtigkeit» unerwünscht ist.

Es drohen hierzulande Zustände wie in Deutschland, wo Kassenpatienten nur noch schwer und mit grosser Zeitverzögerung einen Sprechstundentermin erhalten und deshalb die Ärztinnen und Ärzte mit Geschenken, wenn nicht mit direkten finanziellen Zuwendungen bei Laune halten müssen.

Die Qualität der medizinischen Leistungen ist trotz rekordhoher Pro-Kopf-Kosten in der Bundesrepublik inzwischen besorgniserregend. Um auf den notwendigen Umsatz zu kommen, werden immer mehr Patienten lieber stationär eingewiesen statt ambulant behandelt. In Diagnose und Therapie kam es zu einem ständigen Leistungsabbau, so dass die deutsche Patientenschaft nicht mehr damit rechnen darf, angemessen und nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen betreut zu werden. Trotz alledem wandelt die Schweiz im Gesundheitswesen – ähnlich wie in der Energiepolitik – zunehmend auf dem deutschen Holzweg.

Dramatische Folgen

Nun steht hinter der neuen Tarifstruktur selbstverständlich das Bestreben, die ständig steigenden Kosten im Gesundheitswesen einzudämmen. Dazu müssen auch Eingriffe ins Tarifsystem geprüft werden. Einzelne Tarifanpassungensind durch die zwischenzeitlichen technischen Neuerungen durchaus zweckmässig. Dass Operationen des grauen Stars, die sich von 60 auf 20 Minuten reduziert haben, auch weniger gut bezahlt werden, ist sinnvoll. Dasselbe gilt für gewisse Untersuchungen in der Gastroenterologie, bei denen sich Risiko und Zeitaufwand durch die Entwicklung vom starren Rohr zur flexiblen Fiberoptik reduziert haben.

Andere der geplanten Tarifeingriffe haben dramatische Folgen. So soll etwa die bisherige Notfallpauschale abgeschafft werden. Diese war dazu bestimmt, ärztliche Leistungen für Notfallpatienten zu entgelten, die spontan eine Praxis aufsuchen und die wegen des zusätzlichen Betriebsaufwands höhere Kosten verursachen. Mittlerweile haben sich vorab in Städten und Agglomerationen einige sogenannte «Permanence»- oder «Walk-in»-Praxen auf Notfallpatienten spezialisiert, die durch die neue Tarifordnung gefährdet sind. Die bisherige Notfallversorgung dürfte aber auch in ländlichen Gebieten zusammenbrechen, wo sich der Dorfarzt künftig ausserstande sehen könnte, solche Notfallpatienten zu behandeln.

So drohen in der Schweiz Zustände wie im weitgehend verstaatlichten Gesundheitswesen von Grossbritannien. Die Missstände des dortigen National Health Service haben dazu geführt, dass Ärzte ausserhalb ihrer vorgegebenen Stunden – also am Abend, in der Nacht und vor allem an Wochenenden – für ihre Patienten schlicht nicht mehr verfügbar sind. Mittlerweile reisen sogenannte Weekend Doctors aus Deutschland übers Wochenende nach England, um die medizinische Versorgung auch samstags und sonntags einigermassen sicherzustellen.

Kliniken als Auffangbecken

Die einzelnen ärztlichen Konsultationen werden mit dem neuen Tarifsystem faktisch auf maximal zwanzig Minuten beschränkt. Was darüber hinausgeht, bezahlt der Doktor im Prinzip aus dem eigenen Sack. Nun sind zwanzig Minuten etwa bei polymorbiden, älteren, körperlich oder geistig behinderten Patientinnen und Patienten relativ rasch erreicht. Im Falle einer ernsteren Erkrankung finden gerade bei ausländischen Patienten oft zeitintensive Gespräche mit einer grösseren Angehörigengruppe statt. Künftig müssten die Ärzte solch aufwendige Gespräche ab der 21. Minute selber berappen.

Wie werden die Praxen auf den Druck des neuen Tarifsystems reagieren? Sie sind gezwungen, eine Risikoselektion vorzunehmen und ältere sowie chronisch kranke Patienten einfach an die Kliniken abzuschieben. Zudem dürften sie längere Konsultationen verkürzen und die Zahl der Patientenbesuche erhöhen, da die ersten fünf Minuten höher berechnet werden dürfen. Diese Massnahmen führen aber zu einem Kostenschub und schaden der Qualität der medizinischen Betreuung.

Die Ärztevereinigung FMH äussert sich entsprechend besorgt über die problematische Konsultationslimite von zwanzig Minuten. Auch die Reduktion der in Abwesenheit der Patienten erbrachten Leistungen auf neu dreissig Minuten pro Quartal sei sehr problematisch. Darunter versteht man etwa Telefongespräche mit Kollegen, den fachlichen Austausch oder das interdisziplinäre Konsilium von mehreren Medizinern bei komplexen Krankheitsbildern. Bei den bildgebenden Verfahren ist neu die «Arztzeit» in vielen Fällen gestrichen. Bei Erstellung eines MRI wird beispielsweise ein Patient aufgeboten, doch der Radiologe bleibt künftig im Befundraum, statt wie bisher beim Patienten neue Aufnahmen oder allenfalls den Einsatz von Kontrastmitteln anzuordnen. Oft dürfte deswegen der Patient künftig erneut aufgeboten werden, was wiederum Zusatzkosten erzeugt. Auch die Abgeltungen für chirurgische Leistungen im ambulanten Bereich werden neu massiv reduziert. Dies gilt insbesondere für die «Wechselzeit», also für die zeitintensive Instandstellung des Operationssaals oder Erläuterungen für Patienten und Angehörige. Speziell in der Kinderchirurgie und im Bereich Hals-Nasen-Ohren dürfte deswegen wohl weniger häufig ambulant operiert werden, was die Kosten letztlich wieder in die Höhe schnellen lässt.

Die dirigistischen Eingriffe des Bundesrats destabilisieren ein bereits angeschlagenes System. Sie stehen quer zur harmonischen Findung einer besseren Tarifordnung, die gemeinsam mit allen Beteiligten erarbeitet werden sollte. Zweifellos werden die Auswirkungen schädlich sein und paradoxerweise unter SP-Führung die Zweiklassenmedizin fördern, indem Qualität in der medizinischen Versorgung zunehmend nur noch durch private Zahlungen ausserhalb des Solidaritätsnetzwerks der Kassen erreicht werden kann.

Die Einschnitte in die Tarifstruktur treffen die Medizin dort, wo sie am effizientesten und schlanksten ausgeübt wird: in der niedergelassenen Praxis. Die damit verbundene Verschiebung zur Versorgung an stationären oder ambulanten Kliniken am Tropf der öffentlichen Hand wird die Gesamtkosten des Gesundheitswesen erhöhen statt bremsen.

Kostentreiber Einheitskasse

Die Einführung einer obligatorischen, einheitlichen, flächendeckenden Krankenversicherung für alle Einwohner der Schweiz hat sich längst als ungeahnter Kostentreiber entpuppt. Ärztliche Leistungen, die im Katalog fehlen, sind zwar nicht honorarpflichtig. Dafür werden heute Leistungen, die früher Selbstzahlern vorbehalten waren, aus Gründen einer vermeintlichen sozialen Gerechtigkeit in den Leistungskatalog gezwängt.

Eine Folge der Staatsmedizin ist, dass der ärztliche Nachwuchs ins Anstellungsverhältnis von Spitälern drängt, wo feste Arbeitsund Lohnstrukturen winken und wo staatliche Tarifsenkungen das Einkommen nicht betreffen. Im Kanton Zürich arbeiten heute bereits mehr Ärzte in den Spitälern als in der freien Praxis. Der Arzt als freiberuflich tätiger Mitbürger mit freiheitlicher Gesinnung und einem hohen Mass an Selbstverantwortung wird durch gezielte Tarifsenkungen zum Auslaufmodell.

Dies scheint leider im Departement von Alain Berset eine gewollte Begleiterscheinung eines zunehmend detaillierten, restriktiven Katalogs für die ärztliche Leistungserfassung zu sein.

Freie Arzte im freien Fall

Downloads:
wew_19_026_berset.pdfDownload: Weltwoche-Beitrag "Freie Ärzte im freien Fall" als PDF

JETZT UNTERSCHREIBEN

Abgelehnt!

Am Mittwoch, 21. Juni ist die Vernehmlassungsfrist zu Alain Bersets 700 Millionen TARMED-Eingriff abgelaufen. Der Eingriff gefährdet die ambulante Medizin massiv und ist abzulehnen. Jetzt Petition für den Rückzug des verheerenden TARMED-Eingriffes unterzeichnen.

8437 Menschen haben den offenen Brief "NEIN ZU MEHR BÜROKRATIE STATT BEHANDLUNGEN" unterzeichnet.
Unser Ziel: 8500 Unterschriften.

170620 Abzulehnen

 

Ihre Angaben