Gesundheitspolitik für Dummies

4 Jan 18
Reda El Arbi

Heute: Kniegelenkspiegelung - Wenn sparen mehr kostet als ausgeben

Einsparungen im Gesundheitswesen sind wünschenswert. Und es gibt sicher Bereiche, in denen man überflüssige Praktiken weglassen kann. Nur ist das leider nicht immer so einfach, wie man auf den ersten Blick denken würde. 

Einsparungen am falschen Ort?

Stellen Sie sich vor, Sie hätten Probleme mit dem Knie. Natürlich würden Sie erst Medikamente und Physiotherapie versuchen. Wenn das nichts nützt, hätten Sie eigentlich die Möglichkeit, mit einer Kniegelenkspiegelung, einem minimalinvasiven Eingriff durch drei kleine Schnitte in der Haut, mögliche Reparaturen vorzunehmen. Also ihr Chirurg natürlich, nicht Sie. Erst, wenn dies nichts bringt, wäre dann ein künstliches Kniegelenk ein Thema. Eigentlich. 

Diese minimalen Eingriffe sollen nun aus Kostengründen vermehrt vermieden werden. Dazu wird der Tarmed-Ansatz, also das Geld, dass die Ärzte für diesen Eingriff bekommen, herabgesetzt.

Maximal- statt Minimaleingriff

In Deutschland wird die Kniegelenkspiegelung seit einem Jahr nicht mehr von der Krankenkasse bezahlt. Das hat wirklich zu einem Rückgang der Anwendung dieses Eingriffes geführt, wie Statistiken zeigen. Seit 2011 absehbar wurde, dass die Kniearthroskopie nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden würde, hat sich die Anwendung in Deutschland von jährlich 45'000 auf 7'000 Eingriffe reduziert.

Wow! Würde man denken.

Leider nahmen in Deutschland in dieser Zeit der Einsatz von Kniegelenksprothesen um 10 000 Eingriffe pro Jahr zu. Für die Fachverbände liegt die Erklärung nahe: Seit die Kassen die Kosten einer Arthroskopie nicht mehr übernehmen, bleibe dem Arzt oft keine andere Wahl mehr, als die letzte Option zu ziehen und ein künstliches Kniegelenk zu implantieren. Dies natürlich zu massiv höheren Kosten.

Zum Nachteil der Patienten

Diese Entwicklung ist – wenn auch in abgeschwächter Form – in der Schweiz ebenfalls zu erwarten. Die Arthroskopie wurde bis vor 7 oder 8 Jahren oft viel zu früh und zu oft durchgeführt. Die ersten, die das erkannten, waren die Ärzte, die diese Patienten betreuten. Die Patienten hatten dadurch Nachteile in der Physio. Die Fachgesellschaften haben deshalb in der Schweiz schon vor Jahren neue Anwendungsrichtlinien herausgegeben. Mit dem Effekt, das viel weniger Spiegelungen gemacht werden - aber ohne Nachteile für Arzt und Patient, da Spiegelungen nur noch da durchgeführt werden, wo sie sinnvoll erscheinen.

Grundsätzlich sollten Arzt und Patient alle möglichen Behandlungsmöglichkeiten offen stehen. Ohne finanzielle Nachteile. Vor allem, wenn die Alternative ein massiver, maximalinvasiver und extrem teurer Eingriff ist.

Das kann weder im Sinne des Patienten noch im Sinne von Bundesrat Alain Berset, dem obersten Hüter der Gesundheitskosten, sein.

Gesundheitspolitik für Dummies Kniegelenkspiegelung

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